Immer mehr Flüchtlinge nutzen die Tafeln - epd-Gespräch: Dirk Baas

epd: Die Zahl der Flüchtlinge in Deutschland steigt deutlich an. Registrieren die Tafeln auch mehr Flüchtlinge an ihren Ausgabestellen?

Jochen Brühl: Seit Januar kamen offiziellen Angaben zufolge 115.000 Menschen aus Krisenregionen in die Bundesrepublik. Das sind 63 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und natürlich sind die Tafeln Anlaufstellen für Menschen aus Syrien oder anderen Krisenregionen. Wie stark die Tafeln von Flüchtlingen frequentiert werden, ist von Region zu Region sehr unterschiedlich. Fakt ist: Einige Tafeln melden eine massive Zunahme.

 

epd: Wo liegen die regionalen Schwerpunkte?

Brühl: Aktuell melden uns Städte in Nordrhein-Westfalen, wie zum Beispiel Mülheim, Oberhausen, Köln oder auch Duisburg, dass die Zahl der Flüchtlinge bei ihren Ausgabestellen sehr deutlich zugenommen hat. Ähnliches berichten uns Städte und Regionen aus Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg.

 

epd: Viele ehrenamtliche und professionelle Flüchtlingshelfer weisen ausdrücklich auf die Tafeln als günstige Bezugsquelle für Lebensmittel hin. Geht das in Ordnung?

Brühl: Die Tafeln sind oft die ersten Anlaufstellen, die in den Flüchtlingsunterkünften genannt werden. Unsere Helfer berichten, dass viele der Menschen stark traumatisiert sind. Hier geraten unsere Freiwilligen rasch an ihre Grenzen. Um Konflikte mit den anderen Tafelbesuchern zu vermeiden, benötigt unser Personal vor Ort spezielle Schulungen. Wir wollen helfen, aber es ist verantwortungslos, wenn die Tafeln dabei nicht von der Politik unterstützt werden. Die Politik darf die Zivilgesellschaft nicht allein lassen.

 

epd: Sind die Flüchtlinge eine Kundengruppe, für die man spezielle Lebensmittel, etwa vegetarischer Natur, bei seinen Spendern besorgen muss?

Brühl: Die Tafeln haben seit 20 Jahren Erfahrungen gesammelt mit den Menschen, die zu ihnen kommen. Viele von ihnen essen aus Glaubensgründen zum Beispiel kein Schweinefleisch. Unsere 60.000 Freiwilligen gehen sehr sensibel mit dem Thema um und fragen bei der Essensausgabe ab, welche Lebensmittel nicht verzehrt werden.

 

epd: Sind Ihnen Fälle bekannt, in denen durch die große Zahl an Flüchtlingen als Kunden die Lebensmittel knapp wurden?

Brühl: Den Tafeln steht nur eine gewisse Menge an Lebensmitteln zur Verfügung. Kommen plötzlich einige hundert Flüchtlinge zu einer Tafel hinzu, wie das etwa in Baden-Württemberg der Fall ist, dann führt das notgedrungen zu Engpässen. Die Tafeln können nur verteilen, was sie zuvor gespendet bekommen haben. Deshalb können Tafeln auch kein Ersatz für staatliche Sozialleistungen sein.

 

epd: Wie werden die Flüchtlinge von der etablierten Kundschaft aufgenommen?

Brühl: Bislang sind uns keine größeren Probleme bekannt. Die Menschen kommen aus allen Gesellschaftsschichten, aus allen Altersgruppen und aus vielen unterschiedlichen Herkunftsländern zu uns. Durch die weltweiten Krisen kommen zunehmend auch immer mehr Flüchtlinge. Ich kann nur an die Politik appellieren, dass wir im Land eine Willkommenskultur für die Flüchtlinge schaffen müssen. Das bedeutet, sich nicht nur betroffen zu zeigen, sondern an erster Stelle für menschenwürdige Unterkünfte, Lebensstandard und die notwendige Betreuung zu sorgen.

Quelle: epd 

 

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