Aufschwung geht an Millionen Menschen vorbei

"Die Zahl derjenigen, die sich aus eigener Kraft kaum aus dem Hartz-IV-Bezug befreien können, liegt auch weiterhin bei mehreren Millionen. Dazu kommen rund 1,4 Millionen Aufstocker. Von ihnen ist selten die Rede, wenn das neue Jobwunder gepriesen wird, gleichzeitig aber zum Beispiel die Mittel für berufliche Eingliederungsmaßnahmen für AlgII-Bezieher stark gekürzt werden“, kritisierte Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. die aktuelle Sozialpolitik.

Die Bundesregierung müsse mehr tun, um diesen Menschen eine wirkliche Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben zu eröffnen. „Mit 5 oder 8 Euro mehr im Monat ist es nicht getan“, so Häuser. Mit Blick auf die erwarteten Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmitteln sagte er: „Das könnte dazu führen, dass in den nächsten Monaten mehr Menschen die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen müssen – denn steigende Lebenshaltungskosten treffen Einkommensschwache immer besonders hart.“
Er forderte daher, dass die Bundesregierung Transferleistungsempfängern im Bedarfsfall ergänzende Hilfen gewähren sollte. Prinzipiell müsse geprüft werden, wie Bedürftigen sinnvoll geholfen werden kann. Die aktuellen Instrumente reichten oft nicht aus.

Was die Tafeln verteilten, müsse dagegen eine zusätzliche Hilfe bleiben, die Menschen mit geringem Einkommen einen kleinen finanziellen Spielraum eröffnet. „Die Tafeln können und wollen den Sozialstaat nicht ersetzen. Die solidarische Hilfe der Zivilgesellschaft  darf von der Politik nicht zum Lückenbüßer für eine unzureichende soziale Grundsicherung gemacht werden. Der Staat ist und bleibt dafür verantwortlich, Hilfebedürftigen jeden Alters ein menschenwürdiges Auskommen zu ermöglichen“, erklärte der Vorsitzende. In diesem Zusammenhang erneuerte er seine Forderung nach einem Bundesbeauftragten für die Bekämpfung von Armut.


Zahl der Tafeln und Tafel-Nutzer erneut gestiegen –
immer mehr Kinder und Senioren

Die Zahl der Tafeln ist auch in den vergangenen zwölf Monaten leicht gewachsen. Seit Juni 2010 entstanden 12 neue Tafeln in fast allen Teilen Deutschlands. Die Gesamtzahl liegt aktuell bei 884 Tafeln.

Die Zahl der Menschen, die in den zurückliegenden zwölf Monaten regelmäßig die Hilfe der Tafeln in Anspruch genommen haben, ist nach Schätzungen des Bundesverbandes auf etwa 1,3 Millionen gestiegen. Der Anteil der Senioren an den Tafel-Nutzern ist in den vergangenen Jahren von rund 12 Prozent 2007 auf aktuell etwa 17 Prozent gestiegen. „Angesichts der zahllosen Geringverdiener wird die Zahl der Altersarmen in Zukunft sicher weiter steigen“, befürchtet Gerd Häuser. Die Tafeln stellten sich bereits heute mit Bringdiensten und speziellen Angeboten für Ältere darauf ein.

Der Anteil der Heranwachsenden an den Tafel-Nutzern ist ebenfalls gestiegen und beträgt bei einigen Tafeln bis zu 40 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass viele Tafeln mit Hilfe von Spendern und Sponsoren eigene Projekte für Schülerinnen und Schüler gestartet haben.


Tafeln wenden sich gegen Lebensmittelverschwendung


Der Bundesverband warb auf seiner Jahrespressekonferenz um einen verantwortungsvolleren Umgang der Verbraucher mit Lebensmitteln. Angesichts von Millionen Tonnen von meist noch verzehrsfähigen Lebensmittel, die jährlich im Müll landeten, müsse sich unsere Gesellschaft fragen, wie sich Angebot und Nachfrage in eine ökologisch und sozial vertretbare Balance bringen lasse. „Lebensmittel wegzuwerfen galt einmal als Schande. Heute ist die Entsorgung des zuviel Gekauften zum Normalfall geworden“, klagte Gerd Häuser. Die Tafeln ermöglichten zwar, dass jeden Tag ungezählte Tonnen von im Handel überschüssigen Lebensmitteln vor der Vernichtung gerettet und statt dessen weiterverteilt würden. „Wir würden uns aber wünschen, dass die Arbeit der Tafeln noch mehr Verbraucher nachdenklich stimmt“, so Gerd Häuser.


Bundestafeltreffen in Kassel

Zum 17. Bundestreffen der Tafeln werden in Kassel vom 23. bis 25. Juni 2011 mehrere hundert Tafel-Aktive sowie Freunde und Förderer der Tafeln aus dem gesamten Bundesgebiet erwartet. Auf dem Programm stehen unter anderem die jährliche Mitgliederversammlung des Bundesverbandes sowie Fortbildungen und Diskussionsrunden.

Einer der Höhepunkte des Treffens ist die „Lange Tafel“ am Samstag, 25. Juni 2011, auf dem Friedrichsplatz (Beginn: 11 Uhr). Neben zahlreichen Gästen, unter ihnen Schirmherr OB Bertram Hilgen, werden auch hier wieder über tausend Besucher erwartet. „Wir laden alle Bürgerinnen und Bürger Kassels herzlich ein, sich mit Tafel-Kunden, Tafel-Helfern sowie unseren Gästen an einen Tisch zu setzen, gemeinsam kostenlos Mittag zu essen und damit ein Zeichen der Solidarität zu setzen“, sagte Häuser.


Weitere Informationen zum diesjährigen Bundestafeltreffen finden Sie hier.

 

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