Tafeln nach Zahlen - Ergebnisse der aktuellen Tafel-Umfrage

22.01.2006 | Pressemitteilung | Verband

Im Herbst 2005 führte der Bundesverband Deutsche Tafel e.V. unter den Tafeln eine Umfrage durch. Ziel war, das vorhandene Zahlenmaterial zu aktualisieren  und Veränderungen in der Tafel-Landschaft aufzuspüren. Dr. Vera Schäfer, freie Mitarbeiterin bei McKinsey, hat die Umfrage durchgeführt und ihre Ergebnisse ausgewertet. Über 300 Tafeln (von 500 Tafeln insgesamt, Stand September 2005) beteiligten sich an der Online-Tafel-Umfrage, das entspricht einem Anteil von gut 60 % aller Tafeln. Bei den Tafeln in Orten mit über 50.000 Einwohnern lag der Anteil sogar bei über 75 %.


Ab dem Jahr 2004 ist in Deutschland ein regelrechter „Gründungsboom“ bei den Tafeln zu verzeichnen.  Im Jahr 2004 sind 100, 2005 sogar 140 neue Tafeln entstanden. Mittlerweile haben die 191 deutschen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern zu fast 85 % eigene Tafeln, aber auch Städte von 20-50.000 Einwohnern sind zu über 36 % und solche von 10-20.000 Einwohnern zu 15 % Standort einer lokalen Tafel. Derzeit leben über 46 % der bundesdeutschen Bürger in Gemeinden, die Tafel-Standort sind.


Wenn man nur die Menschen betrachtet, die in Gemeinden mit über 10.000 Einwohnern zu Hause sind und damit für die Tafeln realistischerweise „erreichbar“ erscheint, beträgt dieser Anteil sogar eindrucksvolle 64 %. Diese ’Abdeckung’ wird aber auch bei vielen Neugründungen nur noch geringfügig zunehmen, denn die neuen Standorte werden natürlich immer kleiner.

 

Immer mehr Tafeln in größerer Vielfalt


Rund 52 % aller Tafeln sind eigenständige eingetragene Vereine (e.V.) und knapp 48 % sind Projekte in gemeinnütziger Trägerschaft. Bei den Tafeln in Trägerschaft haben kirchliche oder kirchennahe Träger mit über 56 % gegenüber der letzten Tafel-Umfrage in 2002 (knapp 40 %) erheblich an Bedeutung gewonnen, während Wohlfahrtsverbände, lokale und überregionale Vereine die Träger von zusammen weiteren 33 % der Projekte sind. 


Als Tafel-Modelle haben Tafel-Läden und -Ausgabestellen aufgrund der immer kleineren Standorte zugenommen: 66 % aller Tafeln haben einen festen Tafel-Laden, 47 % temporäre Ausgabestellen (im Schnitt 3,4), während nur 23 % soziale Einrichtungen direkt beliefern und 17 % nicht nur Lebensmittel, sondern auch warme Mahlzeiten ausgeben (Mehrfachnennungen waren möglich).


Gegenüber der letzten Tafel-Umfrage hat sich aber auch der Anteil der Tafeln, der sich die Bedürftigkeit der Kunden nachweisen lässt, von 76 % auf fast 93 % gesteigert. Von den Tafeln, die Lebensmittel direkt an Bedürftige abgeben, fordern inzwischen fast 85 % einen Kostenbeitrag. Er wird bei mehr als der Hälfte einheitlich pro Abgabe erhoben – zu zahlen ist in der Regel ein Euro. Es gibt aber auch zahlreiche differenzierte Preissysteme und ausgezeichnete Preise in Höhe von bis zu 50 % des günstigsten Anbieters.

 

Zunehmender Bedarf an Lebensmitteln


Neue Erkenntnisse hat es auch zu der Frage gegeben, wie viele Bedürftige von den Tafeln mit welchen Mengen von Lebensmitteln regelmäßig versorgt werden. Die auch für die Motivation von Förderern und Tafel-Helfern vor Ort so wichtigen Antworten von über 300 Tafeln wurden auf ihre Plausibilität überprüft und nach Größenklassen auf alle Tafeln hochgerechnet.
Daraus ergibt sich, dass die Tafeln im vergangenen Jahr mindestens 480.000 Personen regelmäßig, das heißt einmal pro Woche mit zirka vier Kilogramm Lebensmitteln versorgt haben. Das entspricht einer Gesamtleistung von eindrucksvollen 100.000 Tonnen Lebensmitteln im Jahr, die nicht vernichtet, sondern Bedürftigen zur Verfügung gestellt werden.


Doch so groß auch die Erfolge der Tafel-Bewegung sind - angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der je nach Definition zehn bis zwölf Millionen Armen im Land besteht weiterhin ein großer und zudem wachsender Bedarf an Tafel-Leistungen und damit auch an Lebensmitteln. Da erscheint es besonders bedenklich, dass sich die Zufriedenheit der Tafeln mit dem Grad ihrer Erreichbarkeit für Bedürftige an ihrem Standort zwar seit der letzten Tafel-Umfrage verbessert hat, ihre Zufriedenheit mit der Menge und dem Mix der verfügbaren Lebensmittel in der aktuellen Umfrage aber deutlich schlechter geworden ist (in Schulnoten - Menge: 2,7 statt 2,3, Mix: 2,9 statt 2,6). 


Hier wird deutlich, dass die traditionelle Beschaffung von Lebensmitteln im Einzelhandel für die Tafeln schwieriger wird. Aufgrund der ständigen Optimierung der Logistikkette (insbesondere durch die Computerisierung der Kassen) und des großen Margendrucks wird hier in Zukunft noch weniger für die Tafeln übrig bleiben als bisher. Daher gilt es, für die Tafel-Arbeit gezielt neue Beschaffungsquellen zu erschließen.

 

Wachstum und Wandel


Viele Ergebnisse der aktuellen Umfrage machen deutlich, dass sich die Tafelarbeit vor Ort, geprägt durch lokales Wachstum, in einem stetigen Wandel befindet. Angefangen bei der Tatsache, dass fast alle Tafeln inzwischen die Bedürftigkeit ihrer Kunden kontrollieren: immer mehr nehmen zumindest einen symbolischen Betrag für die verteilten Lebensmittel.
Außerdem werden immer neue und verfeinerte Ansätze entwickelt, um maßgeschneidert für die lokale Situation eine möglichst wirkungsvolle und gerechte Verteilung zu gewährleisten. Auch zeichnet sich ab, dass immer mehr Geldspenden benötigt werden, um die hohen laufenden Kosten des Tafel-Betriebs finanzieren zu können.


Besonders aber das Wachstum der gesamten Landschaft mit immer mehr Tafeln an immer kleineren und immer dichter beieinander liegenden Standorten bringt einen Wandel mit sich, der die Tafeln auch in ihrer Zusammenarbeit vor ganz neue Herausforderungen stellt. Wichtige Themen wie Regional- und Namensschutz müssen neu betrachtet werden. Und es stellt sich die Frage, was die Kernfunktionen sind, die eine lokale Tafel-Initiative ausmachen.


Neue Lösungsansätze werden entwickelt – neue Tafeln in Trägerschaft bestehender Tafeln entstehen ebenso wie ganze Gruppen von benachbarten Tafeln, die als Projekte eines einzigen Trägers organisiert sind. Nicht zuletzt wird der Aufbau der Lebensmittelbanken dafür sorgen, dass größere oder leistungsfähigere Tafeln für benachbarte kleine Tafeln zum Beispiel Lebensmittel transportieren und lagern werden.