Bundesverband: Aufschwung geht an Millionen Menschen vorbei

21.06.2011 | Pressemitteilung | Politik

"Der Wirtschaftsaufschwung geht an Millionen Menschen vorbei. Die Zahl derjenigen, die sich aus eigener Kraft kaum aus dem Hartz-IV-Bezug befreien können, liegt auch weiterhin bei mehreren Millionen. Dazu kommen rund 1,4 Millionen Aufstocker. Von ihnen ist selten die Rede, wenn das neue Jobwunder gepriesen wird, gleichzeitig aber zum Beispiel die Mittel für berufliche Eingliederungsmaßnahmen für AlgII-Bezieher stark gekürzt werden“, kritisierte Gerd Häuser, Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. die aktuelle Sozialpolitik.
Die Bundesregierung müsse mehr tun, um diesen Menschen eine wirkliche Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen und sozialen Leben zu eröffnen. „Mit 5 oder 8 Euro mehr im Monat ist es nicht getan“, so Häuser. Mit Blick auf die erwarteten Preissteigerungen bei Energie und Nahrungsmittel sagte er: „Das könnte dazu führen, dass in den nächsten Monaten mehr Menschen die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen müssen - denn steigende Lebenshaltungskosten treffen Einkommensschwache immer besonders hart.“ Er forderte daher, dass die Bundesregierung Transferleistungsempfängern im Bedarfsfall ergänzende Hilfen gewähren sollte. Prinzipiell müsse geprüft werden, wie Bedürftigen sinnvoll geholfen werden kann. Die aktuellen Instrumente reichten oft nicht aus.

Was die Tafeln verteilten, müsse dagegen eine zusätzliche Hilfe bleiben, die Menschen mit geringem Einkommen einen kleinen finanziellen Spielraum eröffnet. „Die Tafeln können und wollen den Sozialstaat nicht ersetzen. Die solidarische Hilfe der Zivilgesellschaft  darf von der Politik nicht zum Lückenbüßer für eine unzureichende soziale Grundsicherung gemacht werden. Der Staat ist und bleibt dafür verantwortlich, Hilfebedürftigen jeden Alters ein menschenwürdiges Auskommen zu ermöglichen“, erklärte der Vorsitzende.

Bundesverband setzt sich für Armutsbeauftragten ein
Gerd Häuser erneuerte seine Forderung nach einem Bundesbeauftragten für die Bekämpfung der Armut: „Armut ist leider ein unübersehbarer Bestandteil unserer Gesellschaft geworden - das muss aus unserer Sicht in einem eigenen politischen Amt abgebildet werden. Dieser Beauftragte müsste regelmäßig dem Deutschen Bundestag berichten, die Zuständigkeiten der Ministerien klären und eine ressortübergreifende, effektive Hilfe vorantreiben.“

Zahl der Tafeln und Tafel-Nutzer erneut gestiegen - immer mehr Kinder und Senioren
Die Zahl der Tafeln ist auch in den vergangenen zwölf Monaten leicht gewachsen. Seit Juni 2010 entstanden 12 neue Tafeln in fast allen Teilen Deutschlands. Die Gesamtzahl liegt aktuell bei 884 Tafeln. Davon sind 359 eingetragene Vereine und 525 sind Projekte in Trägerschaft anderer gemeinnütziger Verbände oder Institutionen (Diakonie, Caritas; AWO, DRK u.a.). Sie finanzieren sich ganz überwiegend durch private Spenden.
Die Zahl der Menschen, die in den zurückliegenden zwölf Monaten regelmäßig die Hilfe der Tafeln in Anspruch genommen haben, ist nach Schätzungen des Bundesverbandes auf etwa 1,3 Millionen gestiegen. Der Anteil der Senioren an den Tafel-Nutzern ist in den vergangenen Jahren von rund 12 Prozent 2007 auf aktuell etwa 17 Prozent gestiegen. „Angesichts der zahllosen Geringverdiener wird die Zahl der Altersarmen in Zukunft sicher weiter zunehmen“, befürchtet Gerd Häuser. Die Tafeln stellten sich bereits heute mit Bringediensten und speziellen Angeboten für Ältere darauf ein.

Der Anteil der Heranwachsenden an den Tafel-Nutzern ist ebenfalls gestiegen und beträgt bei einigen Tafeln bis zu 40 Prozent. Ein Grund dafür ist, dass viele Tafeln mit Hilfe von Spendern und Sponsoren eigene Projekte für Schülerinnen und Schüler gestartet haben.

Spendenbemühungen des Bundesverbandes 2010 erfolgreich

Die Bemühungen des Bundesverbandes, Unternehmen und private Spender für die Arbeit der lokalen Tafeln zusätzlich zu gewinnen, waren im Jahr 2010 erfolgreich. „Wir konnten Sach- und Geldspenden in Höhe von 4,5 Millionen Euro an die Tafeln weiterleiten. Nie zuvor hat der Verband seine Mitglieder in dieser Größenordnung unterstützen können“, sagte Jochen Brühl, stellvertretender Vorsitzender und Spendenbeauftragter des Verbandes. Dem Bundesverband wurde im Dezember 2010 das DZI-Spendensiegel für seinen sachgerechten, sparsamen und transparenten Umgang mit Spenden verliehen.

Tafeln wenden sich gegen Lebensmittelverschwendung
Der Bundesverband warb auf seiner Jahrespressekonferenz um einen verantwortungsvolleren Umgang der Verbraucher mit Lebensmitteln. Angesichts von Millionen Tonnen von meist noch verzehrsfähigen Lebensmittel, die jährlich im Müll landeten, müsste sich unsere Gesellschaft fragen, wie sich Angebot und Nachfrage in eine ökologisch und sozial vertretbare Balance bringen lasse. „Lebensmittel wegzuwerfen galt einmal als Schande. Heute ist die Entsorgung des zuviel Gekauften zum Normalfall geworden“, klagte Gerd Häuser. Die Tafeln ermöglichten zwar, dass jeden Tag ungezählte Tonnen von im Handel überschüssigen Lebensmitteln vor der Vernichtung gerettet und stattdessen weiterverteilt würden. „Wir würden uns aber wünschen, dass die Arbeit der Tafeln noch mehr Verbraucher nachdenklich stimmt“, so Gerd Häuser.

Bundestafeltreffen in Kassel
Zum 17. Bundestreffen der Tafeln werden in Kassel vom 23. bis 25. Juni 2011 mehrere hundert Tafel-Aktive sowie Freunde und Förderer der Tafeln aus dem gesamten Bundesgebiet erwartet, darunter Bundesfinanzminister a. D. Hans Eichel. Auf dem Programm stehen unter anderem die jährliche Mitgliederversammlung des Bundesverbandes sowie Fortbildungen und Diskussionsrunden. Einer der Höhepunkte des Treffens ist die „Lange Tafel“ am Samstag, 25. Juni 2011, auf dem Friedrichsplatz (Beginn: 11 Uhr). Neben zahlreichen Gästen, unter ihnen Schirmherr OB Bertram Hilgen, werden auch hier wieder über tausend Besucher erwartet. „Wir laden alle Bürgerinnen und Bürger Kassels herzlich ein, sich mit Tafel-Kunden, Tafel-Helfern sowie unseren Gästen an einen Tisch zu setzen, gemeinsam kostenlos Mittag zu essen und damit ein Zeichen der Solidarität zu setzen“, sagte Häuser.